Biodanza (gr. bios „Leben“, span. danza „Tanz“; „Tanz des Lebens“) ist ein erlebnisorientiertes Übungssystem für Gruppen, das mit Musik, Bewegung und zwischenmenschlicher Begegnung zu einer Wiederverbindung und Integration natürlicher biologischer Potenziale in das menschliche Leben beitragen soll.
Methode und Hintergrund
Eine typische Biodanzaklasse dauert ca. 2 Stunden. Sie beginnt immer mit einer Rederunde, in der die Teilnehmer ihre Befindlichkeit darstellen können oder in der der Biodanzalehrer über ein spezielles Thema referiert. Der Lehrer führt dann durch den Abend, indem er verschiedene Übungen und Tänze zu ausgesuchter Musik aus nahezu allen musikalischen Richtungen vorschlägt. Dabei werden keine Tanzschritte vermittelt, sondern jeder Teilnehmer entwickelt allein oder gemeinsam mit anderen seine individuellen Umsetzungen der vorgeschlagenen Tänze. Ziel ist es dabei, angenehme intensive Tanz- und Begegnungserfahrungen zu erleben - so genannte "vivencias" (spanisch: Erlebnisse). Ästhetischer Wert und Sportlichkeit wird als nebensächlich angesehen. Der Biodanzalehrer entwickelt die aufeinander aufbauende Sequenz der Übungen und Tänze anhand eines theoretischen Modells. Zu Beginn gibt es meist aktivierende, vitalisierende und kreativitätsfördernde Übungen, die den Identitätsausdruck stärken sollen. Später werden entspannende oder tranceinduzierende, so genannte "regressive" Übungen vorgeschlagen. Im letzten Teil werden wieder aktivierende Tänze angeregt. Während der gesamten Biodanzaklasse wird von den Teilnehmern verbale Kommunikation vermieden, um sich ganz auf die Tanzerfahrungen konzentrieren zu können. Der Begriff "vivencia" wird einerseits für den gesamten Tanzabend, anderseits für besonders intensiv erlebte Tanzerfahrungen verwendet. Ebenso wird der Begriff "Biodanzaklasse" einerseits auf den einzelnen Tanzabend bezogen, anderseits meint der Begriff alle Teilnehmer des gesamten Kurses.
Biodanza wird von seinem Begründer als Lebensschule für menschliche Begegnung und Lebenszufriedenheit angesehen. Die kürzeste Beschreibung lautet: La poética del enquentro![1] (spanisch: Die Poesie der menschlichen Begegnung). Den Hintergrund bildet das pädagogische Ziel des Begründers Rolando Toro, "das Leben als leitende Struktur im Universum" und zentralen ethischen Wert in den Mittelpunkt zu rücken. Das Verfahren wird von ihm als Mittel für eine "biozentrische Erziehung" des Menschen verstanden[2] [3]. Die Bezeichnung von Biodanza als "Psychotherapie" im engeren Sinne wird vermieden, um sich von kathartisch arbeitenden und problemzentriert-einsichtsorientierten Verfahren abzugrenzen, die einerseits den Ausdruck negativer Gefühle aktiv forcieren und anderseits durch das Bewußtmachen intrapsychischer Konflikte hauptsächlich auf psychische Störungen und Defizite focussierten. Biodanza versteht sich demgegenüber als ressourcen- und potentialorientiert. Deshalb findet Biodanza - in angepasster Form - durch einige klinisch arbeitende Biodanzalehrer zunehmend auch in der stationären Psychotherapie und Rehabilitation (z.B. bei Suchterkrankungen, nach Krebserkrankungen und in einigen psychosomatischen Kliniken) Verbreitung.
Es wird ein Stressabbau durch Förderung der Homöostase zwischen sympathikotoner und parasympathikotoner Erregung des vegetativen Nervensystems angestrebt. Ebenso wird die Auflösung einer kulturell bedingten kortikalen Unterdrückung subkortikaler, insbesondere limbisch-hypothalamischer, Prozesse des emotionalen und instinkthaften Erlebens und des Bedürfnisausdrucks durch regelmäßige Biodanzapraxis postuliert.
Laut Eigenaussage ist das Ziel der regelmäßigen Biodanzapraxis die Förderung bzw. Entfaltung der folgenden fünf „menschlichen Potentiale“:
Vitalität - Lebensfreude, Antrieb, natürliches Wechselspiel von Anspannung/Aktivität und Entspannung/Ruhe
- Kreativität
- Sexualität - sinnliche Genussfähigkeit
- Affektivität - Liebensfähigkeit, emotionale Nähe und erfüllende Beziehungen
- Transzendenz
Biodanza wird als eine Methode für jedermann verstanden.
Geschichte
Die Wurzeln von Biodanza liegen in anthropologischen und ethologischen Betrachtungen der Riten, Tänze und Symbole verschiedener Völker und Kulturen durch seinen Begründer, sowie in der Humanistischen Psychologie und Bioenergetik. Die ersten Grundlagen für Biodanza wurden in den späten 1960er Jahren vom 1924 geborenen Rolando Toro Mario Araneda gelegt. Er hatte einen Lehrstuhl für Kunst- und Ausdruckspsychologie des Instituto de Estética de la Pontificia Universidad Católica de Chile inne und arbeitete als Dozent im Forschungszentrum der Medizinischen Fakultät an der Universität von Chile im Bereich der medizinischen Anthropologie mit Psychiatrie-Patienten. Später wurde er als Professor an die Universidad Abierta Interamericana de Buenos Aires in Argentien berufen. Rolando Toro begann zwischen 1968 und 1973 für "Insassen" der psychiatrischen Klinik in Santiago de Chile Tanzveranstaltungen zu organisieren, die er Psicodanza nannte. Dabei machte er erste Erfahrungen zur Wirkung unterschiedlicher Musik und Bewegungsübungen auf verschiedene Erkrankungen. Dies stellte die Basis seines später erweiterten theoretischen Modells der Wirkungsweise von Biodanza dar. Sein ursprüngliches Ziel war es, die Psychiatrie der damaligen Zeit menschlicher zu gestalten. Seine Veranstaltungen wurden bald auch in studentischen Kreisen und bei anderen Personen beliebt. Er erkannte einen allgemeinmenschlichen Nutzen für viele Teilnehmer, der über den ursprünglichen psychiatrischen Kontext hinaus ging. Um dem Anspruch der Methode auf Ganzheitlichkeit und Integrativität Rechnung zu tragen wurde das System Biodanza genannt und von ihm und seinen Schülern theoretisch ausdifferenziert und um viele praktische Elemente aus unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen erweitert. Rolando Toro lebte in Chile, Argentinien, Brasilien und Italien. Er ist Präsident und einer der Gründer der IBF (International Biocentric Foundation), die gegenwärtig die meisten Aktivitäten von Biodanza koordiniert. Er gibt, ausgehend von seinem Heimatland Chile, Workshops und Vorträge in der ganzen Welt. In Brasilien wurde ihm von der Universität Paraiba die Ehrendoktorwürde verliehen[4]. Biodanza hat sich im Laufe der Jahre in Form von Biodanzaschulen und regelmäßigen Gruppentreffen, sogenannten Vivencias, ausgehend von Südamerika in Europa, Mittel- und Nordamerika und Teilen Afrikas ausgebreitet. In Deutschland wurde Mitte der achtziger Jahre die erste Biodanza-Schule in Hamburg begründet. Mittlerweile gibt es auf dem Bundesgebiet mehrere Ausbildungsschulen. Biodanza wurde, da früher für viele Jahre kein Rechtsschutz für die Verwendung des Namens bestand, bisweilen kopiert und wird auch modifiziert unter anderem Namen angeboten. Die neueste Entwicklung (Stand 2008) liegt in dem Bestreben einiger Biodanza-Schuldirektoren in Deutschland, England und den USA, einen alternativen Weltverband zur IBF zu etablieren: Die BWA (Biodanza World Association).
Die Biodanza-Szene
In Deutschland kann man aus heutiger Sicht (2008) erst seit etwa zehn Jahren von einer wirklichen Biodanza-Szene sprechen. Die Szene, die sich meist um die Biodanza-Schulen herum gebildet hat, befindet sich noch in einem Wachstumsprozess. Es ist eine Nähe zur Psychotherapie- und Selbsterfahrungsszene feststellbar. Auch wenn Biodanza an sich keine esoterische Praktik ist, so ist doch durch viele Aktive eine gewisse Nähe zu diesem Umfeld (z.B. durch Yoga- und Tantra-Erfahrungen) und zur "Alternativbewegung" vorhanden.
Biodanzapraktizierende treffen sich meist wöchentlich in regionalen Biodanzagruppen, die durch Biodanzaleiter organisiert werden. Diese haben eine drei- oder vierjährige Ausbildung an einer der Biodanzaschulen absolviert. Haupttreffpunkt in Deutschland war das seit 2000 jährlich im September stattfindende Biodanza-Festival bei Uelzen in Niedersachsen. Mittlerweile sind auch an anderen Orten überregionale Festivals entstanden. Ebenso ist als größtes internationales Ereignis der im Juni 2008 stattgefundene Biodanza-Weltkongress in Lignano (Italien) zu nennen.
Forschung
Biodanza wurde v.a. durch die langjährigen Arbeiten von Stueck und Villegas im Rahmen von Dissertations- bzw. Habilitationsprojekten seit 1998 an den Universitäten Leipzig und Bunenos Aires untersucht. Die Leipziger Forscher haben Ergebnisse publiziert, die u.a. signifikante Verbesserungen des Emotionsausdrucks in sozialen Situationen, verringerte Begegnungsängste und erhöhte Abgrenzungsfähigkeit sowie antidepressive und autoregulative Wirkungen von Biodanza belegen. Weiterhin zeigte sich ein offensiveres Problembewältigungsverhalten und verbesserte Ärgerregulation[8]. Positive Effekte konnten in Bezug auf verstärkten Optimismus und relaxationsorientiertere Einstellungen, höhere Genussfähigkeit und verringerte psychosomatische Beschwerden gefunden werden[9]. Eine weitere Studie fand, dass im Hinblick auf die Fähigkeit, Musik zu genießen, besonders Personen aus weniger genussorientierten Kulturkreisen durch Biodanza profitieren. Kulturübergreifend nutzen Biodanzapraktizierende Musik im Alltag gezielter, um ihre emotionale Befindlichkeit zu regulieren. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die postulierte positive autoregulative Wirkung in Hinblick auf Gesundheitsförderung und Stressabbau zutrifft.
Literatur
- Gundlach Sonnemann, H.B. (2000): Religiöser Tanz. Formen - Funktionen - aktuelle Beispiele. diagonal-Verlag, Marburg.
- Palm, I.-Ch. (1998): Zur Wirkung von Musik in Biodanza - Eine Analyse unter Einbezug von praktischen Beispielen. Diplomarbeit in Kulturpädagogik, Hildesheim. zitiert in Religiöser
- Tanz. Formen - Funktionen - aktuelle Beispiele von Gundlach Sonnemann (2000).
- Villegas, Alejandra (2006): Untersuchung von Effekt- und Prozesswirkungen der tanzorientierten Interventionsmethode Biodanza. Dissertation in Psychologie , Universität Leipzig.
- Villegas, Alejandra (2008): Der getanzte Weg, Schibri-Verlag.
- Stück, M.; Villegas, A.; Schroeder, H.; Sack, U.; Terren R.; Toro V.; Toro R. (2004): "Biodanza as Mirrored in the sciences: Research concerning the psychological, physiological and immunological effects of Biodanza" in Arts in Psychotherapy, 31 (3), 204, (reviewed, IF: 0.205).
- Stück, Marcus (2008): Neue Wege: Yoga und Biodanza in der Stressreduktion für Lehrer. Schibri-Verlag.
- Wolff, Tom John (2007) "Biodanza und Musik im Alltag - eine kulturübergreifende Erhebung." in Zur Gesundheit tanzen?: Empirische Forschungen zu Biodanza. Stück und Villegas (Herausgeber), Schibri-Verlag.